.

Zwischen Rockklassikern und Eintagsfliegen

50 Jahre Populäre Musik in der Schule

42. AfS-Bundeskongress für Musikpädagogik 2009 in Halle/Saale

Veranstalter: Arbeitskreis für Schulmusik (AfS) und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In Kooperation mit dem Arbeitskreis Studium Populärer Musik (ASPM), dem Beatles-Museum Halle, dem Bundesfachausschuss Populäre Musik des Deutschen Musikrats, dem Forschungszentrum für Populäre Musik Berlin, der PopAkademie Mannheim, dem Verband Deutscher Musikschulen (VdM) sowie dem Verband Deutscher Schulmusiker (VDS)

24. – 27. September 2009 in der Händel-Halle und den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Referentinnen und Referenten beim AfS-Bundeskongress 2009,

die im Folgenden zusammengestellten Gedankensplitter sollen inhaltlich auf den Bundeskongress für Musikpädagogik 2009 einstimmen, den der AfS zusammen mit einer Vielzahl an Kooperationspartnern (s.o.) durchführen wird. Der Text möchte die Referentinnen und Referenten des Bundeskongresses bei der Vorbereitung ihrer Workshops und Vorträge unterstützen, indem er sie nachdenklich macht, Gewissheiten hinterfragt, neue Fenster öffnet und alte schließt. Er möchte verunsichern, verärgern, amüsieren und ermuntern; um neue Gedanken anzustoßen, muss er auch ein bisschen anstößig sein dürfen – außerdem soll er kurz, launig und poppig auf einen „seriöseren“ Text neugierig machen, der zur Vorbereitung auf den Kongress in Kürze unter afs-musik.de nachzulesen sein wird.

Der AfS-Bundeskongress wird unter der Überschrift Zwischen Rockklassikern und Eintagsfliegen das Thema „50 Jahre Populäre Musik in der Schule“ näher beleuchten. Allein dieser Untertitel mag für einige verwirrend sein. Um diese Verwirrung noch ein wenig zu verstärken, seien im Folgenden ein paar Tatsachen, Behauptungen und Provokationen zusammengestellt, mit denen wir uns in Halle beschäftigen können.

Zwischen Rockklassikern ...

Lange Frage: Müssen wir uns überhaupt noch explizit mit Populärer Musik befassen oder ist diese Musik nicht längst in den Musikunterricht sowie in die Fortbildungs- und Kongresslandschaft sinnvoll integriert? Kurze Antwort: Integriert ist sie. Eine relativ hohe Pop-Präsenz prägt inzwischen nicht nur die Fortbildungsveranstaltungen aller Verbände, sondern auch die Fach- zeitschriften und nicht zuletzt den Musikunterricht. Fast noch wichtiger ist es, dass Populäre Musik in Kursen oder Unterrichtsstunden, die sich auf den ersten Blick weder mit Pop oder Jazz noch mit irgend etwas dazwischen befassen, so selbstverständlich als eine Musik von vielen thematisiert wird, dass sich jüngere Kolleg/innen kaum vorstellen können, dass dies einmal anders war.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist ein Bundeskongress, der sich explizit und schwerpunktmäßig mit Populärer Musik befasst, so sinnvoll wie überfällig. Gerade dann, wenn etwas etabliert scheint, muss neu nachgedacht und geprüft werden, ob die Richtung noch stimmt: Liegt es auch heute noch „aufgrund der zurückliegenden Schulerfahrungen jenseits der Vorstellungskraft beispielsweise eines musikalisch versierten Heavy-Metal-Gitarristen, er könne den Beruf des Musiklehrers an einer Schule ergreifen“ (Stefan Gies) oder ist in Zeiten von SchoolJam und PopCamp, dem inzwischen etablierten Meisterkurs für Populäre Musik des Deutschen Musikrats eine Annäherung von Schule und Popszene eher vorstellbar? Ein breiteres Spektrum „typischer“ Musiklehrer-Sozialisationen täte dem Schulfach Musik sicherlich gut, denn manch ein Kollege, der vor seinem klassischen Sozialisationshintergrund davon überzeugt ist, sich mit Pop oder Jazz im Unterricht zu befassen, tut dies aus Sicht seiner Schüler/innen oder aus historischer Sicht unter Umständen gar nicht. Er wäre sicherlich seiner Popkollegin, die sich sowohl bei den Rockklassikern als auch bei den Eintagsfliegen besser auskennt, dankbar für sachdienliche Hinweise. Aus diesem Grund möchte der Bundeskongress mit dazu beitragen, dass alle „Typen“ von Musiklehrer/innen sich bewusster mit Populärer Musik befassen, dass sie ihre Erfahrungen austauschen und am Ende vielleicht eher wissen, was sie hier überhaupt unterrichten, warum sie dies tun, und – vor allem – wie sie dies in einer Form tun können, die sowohl ihren Schüler/innen als auch der Musik gerecht wird.

Populäre Musik ist bekanntlich längst kein jugendkulturelles Phänomen mehr, wenngleich die Bedeutung, die Jugendliche dieser Musik in der Phase der Ausprägung ihrer eigenen Identität zuweisen, ganz besonders emotional und existenziell wichtig ist; die Musik selbst aber stellt sich als historisches Kontinuum dar, dessen Bedeutung sich zwar vor allem als musikhistorisch zentrale Entwicklung des 20. Jahrhunderts beschreiben lässt, dessen Wurzeln aber weiter zurück in die Geschichte reichen: im Bereich der afro-amerikanischen Musik bis weit ins 18. Jahrhundert und in Europa mindestens bis zu den Minnegesängen des Mittelalters. In vielen Kulturen der Welt hat Populäre Musik sich bruchlos aus der Volksmusik (lat.: „populus“: Volk) bis zum aktuellen Pop entwickelt, in Deutschland entwickelte sich die Populäre Musik in einem nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen jugendkulturellen Vakuum völlig neu, wobei sie sich vor allem an afro-amerikanischen Vorbildern orientierte. Der Bruch zwischen Volksmusik und Populärer Musik war in dieser Zeit nirgendwo größer als hierzulande.

... und Eintagsfliegen ...

Auf der anderen Seite ist Populäre Musik ein zentraler Bestandteil der unterschiedlichsten Jugendkulturen. Vor allem im Bereich des aktuellen Pop müssen die permanent wechselnden Modewellen täglich „Neues“ an Land spülen, sonst funktionieren diese weder generationssoziologisch noch wirtschaftlich. Musik wird hier mit einem großen Aufwand zeitabhängig gemacht. Wie gut die Musikindustrie dies seit den 1950er Jahren beherrscht, wird deutlich durch das Funktionieren der Generationen-Sampler („Das Beste aus den 80ern“), deren Werbe-Jingels es in Sekunden schaffen, ein bestimmtes Zeitgefühl zu transportieren. In diesem Zeitspektrum ist Popmusik längst dazu übergegangen, sich auch selbst erfolgreich zu zitieren.

... ist die Popdidaktik immer mal wieder verunsichert!

  • Der apodiktische Satz „Das ist doch keine Musik mehr“ durchzieht die Vernunftehe zwischen Populärer Musik und Musikunterricht seit genau 1959, als in der ersten musikpädagogischen Veröffentlichung über jugendkulturelle Musik der Jazz als ein Bollwerk gegen „Rock'n'Roll, verkitschte Tanzmusik und musikalischen Klamauk“ in Stellung gebracht wurde. Generationssoziologisch sagt ein Punkfan mit seiner Behauptung, Techno sei doch keine Musik, exakt dasselbe, was jeder Genesis-Fan damals über die Sex Pistols zum Besten gab. Und keiner hatte Recht ...
  • Trotz der Unterschiedlichkeit der Systeme waren vor dem sozialistischen Schutzwall und hinter dem eisernen Vorhang die erwachsenen Reaktionen in Bezug auf jugendkulturelle Musik ähnlicher als bezüglich vieler anderer Entwicklungen. In der DDR wurde Populäre Musik aus unterschiedlichsten Gründen jedoch früher ernst genommen als im Westen: Jenseits des heute amüsanten Inhalts war der Soundtrack des DDR-Kultfilms „Heißer Sommer“ den westdeutschen Roy-Black-Produktionen mindestens so überlegen wie der VW dem Trabi.
  • In keinem anderen europäischen Land haben Musikpädagogik und Populäre Musik sich so lange als Gegenspieler betrachtet und gegenseitig (!) verteufelt. Ein Popmusiker macht zwar genau so selten guten Musikunterricht wie ein Musiklehrer eine erfolgreiche Popband produziert – trotzdem überschneiden sich ihre Berufsfelder und sie könnten beide voneinander lernen.
  • Wenn man im Deutschen – als sprachliches Alleinstellungsmerkmal – zwischen „Unterhaltungsmusik“ und „Ernster Musik“ unterscheidet, muss man sich nicht wundern, wenn Klassik-Konzerte nicht unterhaltsam sind und Pop-Konzerte selten ernst genommen werden. Musik aller Genres und Epochen könnte viel eher ihre vielfältigen Wirkungen entfalten, wenn wir das Ernste nicht nur bierernst und die Unterhaltung auch einmal ernst nähmen.
  • Die aktuellste Form der afro-amerikanischen Musik ist der HipHop, womit dieser eher beim Jazz einzusortieren wäre als unter Pop; umgekehrt war das Unterrichtsthema „Swing“ im Jahr 1959 Popmusik. Der dies verkennende Begriff „Popularmusik“ hat die Popdidaktik eher behindert als befördert. Daher werden bereits bei der Kongresseröffnung die wichtigsten Zeitzeugen aus den Anfängen der Popdidaktik die Geschichtlichkeit dieses Unterrichtsthemas ebenso verdeutlichen wie die Aktualität der Diskussionen seit 1959.
  • Die Qualität der schulischen Arbeit mit Populärer Musik ist mittlerweile derart angewachsen, dass viele bekannte frühe Popbands heutzutage kaum eine Schülerband-Jury überzeugen würden. Das ist natürlich erfreulich, hat aber die aus musikpädagogischer Sicht paradoxe Konsequenz, dass in kleineren Gemeinden der Musiktheater-Etat mit der Begründung gekürzt wird, die regionalen Schulen würden eine solch professionelle und ambitionierte Musical-Arbeit machen, dass man dort ein größeres Publikum erreichte als mit öffentlich subventionierten Theatern. Darüber kann man sich nicht wirklich freuen ...
  • Auf Kuba amüsieren sich Musikfreunde über den hiesigen Boom im Schlepptau des Buena Vista Social Club. Auch wenn die alten Jungs wunderschöne Musik machen, repräsentieren sie die afro-kubanische Musik in etwa so wie Peter Alexander deutschsprachige Popmusik. Sie im Unterricht als „die“ afro-kubanische Musik zu verkaufen, ist daher Unsinn.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass in einem Land, in dem 52% aller Opernhäuser der Welt stehen, stets zu wenig Engagement für die Förderung jugendkultureller Musik übrig bleibt. Vor diesem Hintergrund bleibt zu hoffen, dass der AfS-Bundeskongress 2009 hier zumindest im musikpädagogischen Bereich ein kritisches Umdenken befördert, durch das die Möglichkeiten und die Grenzen der Popdidaktik neu vermessen werden können.